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Here are some more lyrics of Ute Lemper's songs, from the CD "Entartete Musik"; these are great songs written in the thirties but then banished when the Nazis seized power. They considered those songs were "degenerated music" due to their politically and morally objectionable (from a Nazi point of view) contents. As usual, I've already replaced umlaut and es-zets by their HTML equivalent, such as "ä", but I haven't revised the orthography to follow the "neue Rechtschreibung".
(Prof. Dr. Darcio Roberto Martins Rodrigues)


ALLES SCHWINDEL
(Marcellus Schiffer, 1931)

Papa schwindelt,
Mama schwindelt
tut sie bloß auf ihren Mund!
Tante Otilie,
und die Familie
und sogar der kleine Hund!
Und besieht man`s aus der Nähe:
Jedes Band und jede Ehe,
jeder Kuß in dem Betriebe
und sogar die große Liebe!
Und die ganze heutige Zeit ja,
sogar die Ehrlichkeit!

Alles Schwindel, alles Schwindel,
überall wohin du guckst,
und wohin du spuckst!
Alles ist heut' ein Gesindel,
jedes Girl und jeder Boy,
wird einem schlecht dabei!
's wird einem schwindlig von dem Schwindel,
alles, alles, alles Schwindel,
unberufen, toi! toi! toi !

Kaufmann schwindelt,
Käufer schwindelt,
mit dem höflichsten Gesicht!
Man schwebt in Ängsten,
nichts währt am Längsten,
also warum soll man nicht?
Jede freundliche Verbeugung,
jede feste Überzeugung,
Preisabbau, solide Preise,
ob zu Hause, auf der Reise!
Jeder Ausblick, wo es sei,
selbst für den, der schwindelfrei!
Alles Schwindel, alles Schwindel, usw.

Bürger schwindelt,
Staatsmann schwindelt,
Schwindel, was die Zeitung schreibt:
Moral und Sitte,
rechts, links und Mitte,
Ehrlich ist, was übrig bleibt!
Alles sucht sich zu betrügen,
na, sonst müßt` ich wirklich lügen!
Eins, das kann ich glatt beteuern:
Könnt` den Schwindel man besteuern,
hätt` der Staat nicht Sorgen mehr,
denn dann wär` er Millionär!
Alles Schwindel, alles Schwindel, usw.


SEX-APPEAL
(Marcellus Schiffer, 1930)

Einen Wunsch hab` ich im Leben:
Mög`s der liebe Gott mir geben,
diesen Wunsch noch zu erleben!
Wunschlos würd` ich dann entschweben.
Macht mich auch der viele Krach
und das ganze Leben schwach,
dieser Wunsch erhält mich wach!
Ach! Ach!
Ich wär` so gern ein Sex-Appeal!
Sowohl en face als auch profil!
Ach, was wär` das für ein Gefühl,
ein Sex-Appeal im Garbostil!
Von außen warm, von innen kiehl!
Zur Hälfte Sex, zur Hälfte Peal!
Doch ich hab` noch ein höheres Ziel:
Am liebsten wär` ich Sex-Appeal
und 7-Appeal und 8-Appeal!
Mir wär` kein Sex-Appeal zu viel!
Im Geigentiel!

Wollt` ein Regisseur mich sprechen,
würde er sich das erfrechen,
könnt` ich mich für alles rächen
und wär` nie für ihn zu sprechen!
Holt` man mich zum Filmen ab,
vor der Aufnahme, ganz knapp,
sagte ich aus Daffke ab -
Schwapp! Schwapp!
Ich wär` so gern mal Sex-Appeal!
Von vorn en face als auch profil!
Ach, was wär` das für ein Gefühl,
ein Sex-Appeal im Garbostil!
Von außen warm, von innen kiehl!
Zur Hälfte Sex, zur Hälfte Peal!
Noch hab` ich nicht erreicht das Ziel
und noch bin ich ein 5-Appeal,
ein 4-Appeal, ein 3-Appeal!
Dabei wär` mir kein Peal zu viel!
Im Geigentiel!

Doch könnt` ich mein Ziel erreichen,
würde mir kein Star mehr gleichen,
Und ich ließ` mich nie erweichen!
Jenny Jugo könnt` man streichen!
Läg die Garbo auf dem Knie
hingestreckt, und flehte sie:
"Laß mich auch noch gelten!" Wie?
Nie! Nie!

Nee, nu bin ich mal Sex-Appeal!
Sowohl en face als auch profil!
Und nun hab` ich mal das Gefühl,
von außen warm, von innen Kiel!
Zur Hälfte Peal, zur Hälfte Sex!
Ein richt`ger Sex-Appeal-Komplex!
Ich hab` erreicht das hohe Ziel!
Am ganzen Körper Sex-Appeal
und 7-Appeal und 8-Appeall
Fast bin ich schon vom Sex-Appeal
das Geigentiel!


PETER, PETER, KOMM ZU MIR ZURÜCK
(Friedrich Hollaender, 1929)

Morgens früh zu Brötchen, Tee und Honig
fliegt die Zeitung mir ins Haus;
vom Vermischten bis zur Kleinen Chronik
lass` ich keine Seite aus.
Sport und Politik aus fremden Staaten,
Ehebruch und Keilerei,
blätternd, unter tausend Inseraten,
fand ich heut` den Schmerzensschrei:

Peter, Peter, komm zu mir zurück!
Peter, Peter, warst mein bestes Stück!
Peter, Peter, ich war so gemein!
Später, später sieht man erst alles ein!

Sinnend saß ich am Kamin und träumte
mich in den Roman hinein:
Welche Frau wohl da ihr Glück versäumte,
und wo mag jetzt Peter sein?
Weint da eine Mutter nach dem Sohne?

Schluchzt ein Mägdlein nach dem Schatz?
Sicher steht sie jetzt auf dem Balkone,
flüstert in die Nacht den Satz:

Peter, Peter, komm zu mir zurück! usw.

Unter der Annonce stand ein Name,
da ging ich nachmittags hin;
es empfang mich eine blonde Dame,
diese fragt` ich nach dem Sinn:
Ist`s Ihr Bruder, Liebster oder Vater?
Doch da hat sie laut gelacht:
Peter ist mein süßer schwarzer Kater,
der entlief mir gestern Nacht!

Peter, Peter, komm zu mir zurück! usw.

DAS GESELLSCHAFTSLIED
(Marcellus Schiffer)

Auf der Gesellschaft
trifft die Gesellschaft
nur die Gesellschaft!
Das ist 'ne Gesellschaft!
Das ganz Mondänste,
oft nicht das Schönste!
Dafür das Neuste!
Manchmal da scheuste!
Steht wie Attrappe,
geht wie auf Pappe!
Redet lauter Watte
und ißt kalte Platte!
Und küßt die Hände, als wär`n sie was wert
und fühlen sich mächtig geehrt.
Da möchte man so gerne mal,
wenn alles grade schaut!
Da möchte man so gerne mal
ganz kurz und dann ganz laut!
Da möchte man es wagen,
da möchte man es sagen!
Nur ein diskreter, eleganter Schrei:
Scheiße! Erledigt, vorbei!

Auf der Gesellschaft
rauscht die Gesellschaft,
plauscht die Gesellschaft!
So ist die Gesellschaft!
Man muß voll Schaudern
die Nacht durchplaudern
und hat seit Tagen
sich nichts zu sagen!
Das plaudert kritisch
und plauscht politisch.
Löst alle Fragen
mit Käse im Magen!
Und jeder denkt sich:
Ach laß mich in Ruh!
ich höre ja doch gar nicht zu!
Da möchte man so gerne mal, usw.

Nach der Gesellschaft
schimpft die Gesellschaft
auf die Gesellschaft
Das ist 'ne Gesellschaft
Die Damen und Herrn
heut` sind für modern
heut`, nur in dem Falle
versag`n sie alle!
Sie sagen, es war schön
im vorigen Jahr schon
dasselbe zwar schon,
doch eins ist uns klar schon
in ein paar Tagen
sind wir nur gemein:
Da laden wir sie alle ein
Da möchte man so gerne mal, usw.


WENN DIE BESTE FREUNDIN
(Marcellus Schiffer, 1928)

Wenn die beste Freundin
mit der besten Freundin,
um was einzukaufen,
um was einzukaufen,
um sich auszulaufen,
durch die Straßen latschen,
um sich auszuquatschen,
spricht die beste Freundin
zu der besten Freundin.
Meine beste Freundin.
o meine beste Freundin,
o meine schöne Freundin,
o meine treue Freundin,
o meine süße Freundin!
Geht die beste Freundin
mit der besten Freundin,
spricht die beste Freundin
zu der besten Freundin:
Meine beste, meine beste Freundin.

-Ja, was sagt denn da die beste Freundin?
Sag mir doch mal, was dir so gerade einfällt!
- Also, ich kann dir nur eins sagen, wenn
ich dich nicht hätte, wir vertragen uns beide
so gut...
- Ja, wir vertragen uns so furchtbar gut.
- Wie wir uns beide gut zusammen
vertragen!
- Es ist kaum noch auszuhalten, wie gut
wir beide uns vertragen, nur mit einem
vertrage ich mich noch so gut mit meinem
süßen kleinen Mann.
- Ja, mit deinem süßen kleinen Mann 1

Ja, mein Mann ist ein Mann!
So ein Mann, wie mein Mann!
Wie der Mann von der Frau,
wie der Mann von der Frau!
Früher gab`s noch Hausfreund,
doch das schwand dahin!
Heute statt des Hausfreunds
gibt`s die Hausfreundin!

- Dein kleiner Mann ist aber aufdringlich!
-So?
-Ja.
- Warum?
- Na, ich finde
- Na, wieso?
-Warum ich finde ...?
- Wieso findest du?
- Er macht solche Sachen...
- Das paßt mir aber gar nicht!
- Nanu ... Na gut, vertragen wir uns! (Küsse)
- Na gut, vertragen w r uns! (Küsse)

Früher gab`s noch Hausfreund, usw.

Wenn die beste Freundin
mit der besten Freundin,
spricht die beste Freundin
zu der besten Freundin:
Meine beste, meine beste Freundin.


ICH BIN EIN VAMP!
(Marcellus Schiffer; Géza Herczeg,
Robert Klein, 1932)

W Ich schlaf` im Bett der Pompadour,
ich habe Lulus rotes Haar,
ich habe Salomes Figur,
ich hab` die Gier der Pothiphar!
Ich trage Mona Vannas Kleid,
den Ring der Marie Antoinette,
ich trag` sogar seit ein'ger Zeit
der schönen Helena Korsen,
ich bin das Gift der Medici,
bin eine Hexe wie Jeanne d`Arc;
ich trag` den Strumpf der Dubarry,
ich bade nackt in einem Sarg.
Ich bin ein Vamp!
Ich bin en Vamp, ich bin halb vertiert!
Ich saug` die Männer an und aus!
Ich mache Fricassee daraus!
Ich bin ein Vamp!
Ich bin ein Vamp aus Fleisch und mit Bein!
Ich wär` so gern sanft wie ihr!
Aber nein, aber nein!
Ich bin ja verpflichtet, gemein zu sein,
und da bin ich halt eben ein Tier!

Die tollsten Dinger samml` ich mir,
ich sammle nur, was wild und echt!
Ich sammle Klemperers Klavier,
ich hab` die Mütze von Bert Brecht!
Ich hab` von Wallace jeden Band!
Und ich verschlang ihn mit Genuß!
Es hängt gerahmt an meiner Wand
ein alter Valentino-Kuß!
Ich sammle Ullsteins Gratisfahrt,
das ist ein schöner wilder Brauch!
Ich habe sogar Hitlers Bart
und Brünings alten Gehrock auch!
Ich bin ein Vamp! usw.

Ein Fürst, das ist mein Sekretär,
und jeder Diener ist ein Graf!
Die Königin von Griechenland,
die singt persönlich mich in Schlaf !
Der König Alfons ist mein Boy,
der Prince of Wales mein schönster Traum!
Es liest mir alles vor was neu,
die liebe gute Vicky Baum!
Ich hab` den seltsamsten Besuch!
Heut` erst kam Emil Ludwig rauf,
er sagt, er schreibt von mir ein Buch!
Wenn er es schreibt, fress` ich ihn auf!
Ich bin ein Vamp! usw.

L`HEURE BLEUE
(Marcellus Schiffer 1928)

Ich esse nicht, ich schlafe nicht,
ich tanze nicht,
ich bade nicht, ich liebe nicht;
ich lebe nicht ich schminke mich.
Ich pflege mich, ich fette mich,
ich pudre mich,
ich creme mich, ich föhne mich,
ich dufte mich, ich rieche nur.
Ich rieche nur, ich mische nur, ich mixe nur,
ich liebe es, ich trinke es, ich bade drin.
Nur ein Tröpfchen von L`heure bleue
und von Mille fleurs e n Hauch
mit Chevalier d`Orsay.
Dann noch etwas Himbeersaft
vermischt mit Juchtenduft
und etwas Autoluft.
Dann tüchtig schütteln
und noch einmal rütteln
und dann dreimal möglichst heiß aufkochen.
Dann wieder etwas von L`heure bleue,
damit erreicht man den Zweck
und gießt dann alles weg.
Und rieche ich, und dufte ich,
dann leg` ich mich und liege ich,
dann schlaf` ich nicht;
dann liege ich, dann träume ich.
Dann träume ich von Crepe Satin,
von Crepe georgette, von Crepe de chine,
Satin moiré, Velours chiffon, ich wühle drin!
Dann weckt man mich, massiert man mich,
frottiert man mich,
dann bade ich, mit Badextrakt mix ich mein Bad.
Nur ein Tröpfchen Pinnofluol,
von Paraffin ein Hauch
mit Pixavon gemischt.
Dann noch etwas Himbeersaft
und mit Odol gemischt
ein Hauch von Chlorodont.
Dann tüchtig schütteln
und noch einmal rütteln
und dann dreimal möglichst heiß aufkochen.
Dann ein Tröpfchen Pyramidon,
damit erreicht man den Zweck
und gießt dann a es weg.


ZIEH DICH AUS, PETRONELLA!
(Theobald Tiger, 1920)

Spielst du Sudermann oder Maeterlinck,
oder spielst du Mieze Stuckert,
dann denk: es ist ein eigen Ding,
das Herz, das unten puckert!
Es atmet klamm das Publikum,
es gäb` was drum, es gäb` was drum,
erhöre nur sein Flehen:
das Publikum will sehen.

Zieh dich aus Petronella, zieh dich aus!
Denn du darfst nicht ennuyant sein,
und nur so wirst du bekannt sein;
Und es jubelt voller Lust das ganze Haus:
"Zieh dich aus, Petronella, zieh dich aus!"


Nicht bei Lulu nur oder Wedekind
ist der Platz für deine Reize;
denn je nackter deine Schultern sind,
je mehr sagt man: "Det kleid se!"
Als lphigenie trägst du nur
,ne Armbanduhr, ,ne Armbanduhr,
ich seh` den weißen Nacken,
wie schön sind deine Backen!

Zieh dich aus Petronella, zieh dich aus! usw.


Und begleitet dich nach dein Souper
dein Amant in deine Wohnung,
hüllt er dich ein bei Eis und Schnee
in Nerz mit zarter Schonung.
Stehst du vor ihm so bloß und blaß
mit ohne was, mit ohne was,
spricht er zu dir, Cokettchen,
vor deinem weißen Bettchen:


Zieh dich aus Petronella, zieh dich aus!

Denn du wirst ja darin flink sein,
und es kann ja bloß dein Ring sein 1
Und ich klatsch` auf deinen Rücken den
Applaus:
"Zieh dich aus, Petronella, zieh dich aus!"

RAUS MIT DEN MÄNNERN!
(Friedrich Hollaender, 1926 - für Claire Waldoff)

Es geht durch die ganze Historie
ein Ruf nach Emanzipation
vom Menschen bis zur Infusorie
überall will das Weib auf den Thron.
Vom Hawai-Neger bis zur Berliner Range
braust ein Ruf wie Donnerhall daher:
Was die Männer können, können wir schon lange
und vielleicht `ne ganze Ecke mehr.

Raus mit den Männern aus dem Reichstag,
und raus mit den Männern aus dem Landtag,
und raus mit den Männern aus dem Herrenhaus,
wir machen draus ein Frauenhaus!
Raus mit den Männern aus dem Dasein,
und raus mit den Männern aus dem Hiersein,
und raus mit den Männern aus dem Dortsein,
sie müßten schon längst fort sein.
Ja: raus mit den Männern aus dem Bau,
und rein in die Dinger mit der Frau!

Es liegen in der Wiege und brüllen
die zukünft`gen Männer ganz klein.
Die Amme, die Meistrin im Stillen,
flößt die Kraft ihnen schluckweise ein.
Von der vielen Flößung aus Flasche, Brust und Becher,
ach wir dummen Frauen sind ja Schuld!
Werden sie immer stärker, werden sie immer frecher,
da verliert man schließlich die Geduld.

Raus mit den Männern, usw.

Die Männer haben alle Berufe,
sind Schutzmann und sind Philosoph,
sie klettern von Stufe zu Stufe,
in der Küche stehen wir und sind doof.
Sie bekommen Orden, wir bekommen Schwielen,
liebe Schwestern, es ist eine Schmach.
Ja sie trauen sich gar, die Politik zu spielen,
aber, na, die ist ja auch danach!


Raus mit den Männern, usw.


DER VERFLOSSENE
(Alice Eckert-Rotholz)

Laß die Vergangenheit, wo der Flieder wächst!
Genügt es nicht, daß eine Frau dir gehört?
Was gewinnst du, wenn du ihren
Verflossenen entdeckst?
Laß ihn ruhen, im Schreibtisch, im Herzen,
dort, wo er nicht stört!
Was nützt denn postfestum ein Liebesverhör?
Sie sagt doch nur:
Dein Vorgänger war ein Malheur!
Gegen dich war der Junge ein armer Schatten,
und er trug immer so alberne Pünktchenkrawatten!
Sie lacht und du stimmst begeistert ein.
Ihr lacht den Verflossenen kurz und klein.
Er ist ein Schatten mit Pünktchenkrawatten
ganz ohne Glorienschein.

Sind nun deine Eifersüchte tot?
I wo! Jetzt fragst du die Margarine vom Butterbrot!
Doch jede Vergangenheit ist ein feindliches Drahtverhau.
Der Verflossene interessiert dich jetzt mehr als die Frau.
Einmal, einmal war dieser Kerl doch ihr Held,
und jeder Mann schenkt der Frau ein paar
Herzschläge lang seine Welt.
Diese fremde Welt, umgeben von
Schweigemauern und Riesenlatten,
man kennt bestenfalls den Heuschnupfen
und den Lieblingsverein.
War der Verflossene für die Frau nur ein Schatten?
Er war ein Mensch.
Mit Pünktchenkrawatten
Nicht ohne Glorienschein.

Von jetzt ab seid ihr immer zu drin,
der Verflossene tanzt überall mit euch mit.
Lebt mit euch als selbsttät`ges Ärgernis,
er sitzt bei euch am Tisch, stänkert, grinst ungewiß.
Er nur ein Schatten?
Mein Lieber, du bist ein Schatten!
Jener ist ein Heiliger mit Pünktchenkrawatten.
Denn allmählich vergoldet ihn deine Dame,
seine Abwesenheit macht ihm Gefühlsreklame
Er schlief im Schreibtisch, staubbedeckt,
du selbst hast ihn zu furchtbarem Leben erweckt.
Der Verflossene läßt euch nicht mehr allein,
ein liebes altes Gespenst mit
Pünktchenkrawatte und Glorienschein,
mit Glorienschein.

Laß die Vergangenheit, wo der Flieder wächst,
und bleib mit der Frau, die du liebst allein!
Wehe! Wenn die Verfloss`nen auferstehen!
Sie werden zu Siegern.
Mit Pünktchenkrawatte und Heil`genschein.


GESETZT DEN FALL
(Friedrich Hollaender, 1928)

Gesetzt den Fall,
kein Grund, sich drüber aufzuregen,
gesetzt den Fall,
du bist um etwas Geld verlegen;
gesetzt den Fall,
daß dir so was noch nie passiert ist;
gesetzt den Fall,
daß du dabei etwas geniert bist;
gesetzt den Fall,
ein Finanzier läßt sich wo blicken;
gesetzt den Fall,
du weißt es nicht recht auszudrücken,
wenn dann der Mann
zwischen den Zeilen bißchen lesen kann,
blick ihn nur mit einem Auge an, hm, hm!

Sie wissen, was ich meine,
und ich weiß, was Sie meinen,
und ich weiß, daß Sie`s wissen,
und Sie wissen, daß ich`s weiß
Also sein wir diskret, also sein wir gescheit,
und verlieren wir kein Wort mehr über die Angelegenheit.

Gesetzt den Fall,
daß sich zwei Frauen spinnefeind sind,
gesetzt den Fall,
daß sie es wegen einem Freund sind,
gesetzt den Fall,
der Freund betrügt sie alle beide,
gesetzt den Fall,
sie treffen sich in ihrem Leide,
gesetzt den Fall,
und trauern beide um den Schönen,
gesetzt den Fall,
die eine stiehlt der andern Tränen;
könnt`s da nicht sein,
wenn eine mit der andern so allein,
daß sie, wenn sie, falls sie eventuell, hm, hm!

Sie wissen, was ich meine, usw.


ICH WEISS NICHT ZU WEM ICH GEHÖRE
(Robert Liebmann/ Friedrich Hollaender, 1932)

Sprechen die Männer von Treue,
lächle ich nur vor mich hin.
Liebe ist ewig das Neue,
Treue hat gar keinen Sinn!
Heute schon ist mir entschwunden,
was ich noch gestern besaß,
Liebe macht selige Stunden,
Treue macht gar keinen Spaß.
Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre,
ich bin doch zu schade für einen allein.
Wenn ich jetzt grad` dir Treue schwöre,
wird wieder ein and`rer ganz unglücklich sein.
Ja soll denn etwas so Schönes nur einem gefallen?
Die Sonne, die Sterne gehörn doch auch allen!
Ich weiß nicht zu wem ich gehöre,
ich glaub`, ich gehöre nur mir ganz allein!

Einer hat zärtliche Hände,
einer packt kräftiger zu.
Wenn ich den Richtigen fände,
bringt er mir auch keine Ruh!
Bin ich bei einem geborgen,
glücklich, zufrieden und still,
lockt mich ein anderer morgen,
nie hab` ich das, was ich will.
Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre, usw.

DAS LILA LIED
(Kurt Schwabach)

Was will man nur? Ist das Kultur,
daß jeder Mensch verpönt ist,
der klug und gut, jedoch mit Blut
von eigner Art durchströmt ist,
daß grade die Kategorie
vor dem Gesetz verbannt ist,
die im Gefühl bei Lust und Spiel
und in der Art verwandt ist?
Und dennoch sind die meisten stolz,
daß sie von anderm Holz!
Wir sind nun einmal anders, als die andern,
die nur im Gleichschritt der Moral geliebt,
neugierig erst durch tausend Wunder wandern,
und für die `s doch nur das Banale gibt.
Wir aber wissen nicht, wie das Gefühl ist,
denn wir sind alle andrer Welten Kind;
wir lieben nur die lila Nacht, die schwül ist,
weil wir ja anders als die andern sind.

Wozu die Qual, uns die Moral
der andern aufzudrängen?
Wir, hört geschwind, sind wie wir sind,
selbst wollte man uns hängen.
Wer aber denkt, daß man uns hängt,
den müßte man beweinen,
doch bald gebt acht, es wird über Nacht
auch unsre Sonne scheinen.
Dann haben wir das gleiche Recht erstritten,
wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten.
Wir sind nun einmal anders, usw.


MASKULINUM - FEMININUM
(Marcellus Schiffer)
War ein Maskulinum und ein Femininum,
hatten beide sich so gern!
Sprach das Maskulinum zu dem Femininum
"ich vertrau dir etwas ganz intern!"
Du bist Femininum, doch sehr maskulinum,
ich bin maskulinum doch sehr femininum.
So ein Maskulinum und ein Femininum
die sind heutzutage streng modern!
Darum liebes Femininum, sei mein Maskulinum,
ich dein Femininum und dann,
was uns beiden fehlte,
was uns beide quälte, ist vorbei

Und das Femininum ging als Maskulinum,
trug `nen Frack und einen Stock,
und das Maskulinum ging als Femininum,
trug die Haare lang und einen Rock,
und das Femininum kämpft` fürs Maskulinum,
und das Maskulinum kocht` fürs Femininum,
doch das Maskulinum und das Femininum
schossen beide einen Bock!
Ja, ja, denn das Femininum bleibt fürs Maskulinum
doch das Femininum
und schwupps, was beiden fehlte,
was sie beide quälte,
war vorbei.

Denn ein Femininum bleibt ein Femininum,
wo es weiter keiner sieht!
Und ein Maskulinum bleibt ein Maskulinum
mit den Männern stets in Reih` und Glied!
Und das maskuline starke Femininum
schenkt dem femininen schwachen Maskulinum
etwas schwaches, starkes masku-feminines,
einen kleinen Hermaphrodit!
Ja, ja, ein neutrales Neutrum;
ein fatales Neutrum,
ein totales Neutrum.
O Gott, wie dieses Maskulinum
macht das Femininum nutt, nutt, nutt.


MIR IST HEUT SO NACH TAMERLAN!
(Theobald Tiger, 1922 - für Fritzi Massari)

Tamerlan war Herzog der Kirgisen,
und jeder Mensch in Asien wußte wohl das.
Tamerlan ritt über grüne Wiesen,
und wo der Junge einmal hintrat wuchs kein Gras.
Und alle Frauen lauschten angstvoll seinem Schritt,
und fielen die Städte, fielen die Mädchen alle mit.
Er war auch stets zu einem wilden Kampf bereit,
das war in Asien eine schöne Zeit!

Mir ist heut so nach Tamerlan zu Mut!
Ein kleines bißchen Tamerlan wär` gut.
Es wäre ja, geniert mich das,
geniert mich das, gelacht.
Ich glaube, es passiert noch was,
passiert noch was heut Nacht.

Mir ist heut so nach Tamerlan zu Mut,
ein kleines bißchen Tamerlan wär` gut.
Und sehe ich ins Publikum,
da liegt heut so ein Fluidum.
Ach Mensch, gehen Sie weg,
es hat ja nur Zweck
mit dem Tamerlan.

Tamerlan, mein liebes Kind, ja Kuchen!
So einen Tamerlan, den möcht` ich wohl auch.
Tamerlan, da kannst du lange suchen,
wer mit Devisen handelt, der hat einen Bauch.
Und wenn `ne kleine Frau `ne große Glatze küßt.
dann weiß sie, daß das alles für die Katze ist.
Du suchst dir hier vergeblich einen Tamerlan,
nu guck mal runter, sieh dir mal an!


Hier ist doch gar kein Tamerlan zu sehn,
ein kleines bißchen Tamerlan wär` schön.
Seh` ich mir hier die Männer an, eih, weihl
Da ist ja gar kein Tamerlan dabei!
Mir ist heut so nach Tamerlan zu Mut
ein kleines bißchen Tamerlan, ja Tamerlan wär` gut.
Die sind ja nichts für dich und mich,
die haben alle einen Stich!
Ach weine nicht sehr, den gibt`s ja
nicht mehr,
solchen Tamerlan.

EINE KLEINE SEHNSUCHT
(Friedrich Hollaender, 1930)

Mein Tag ist grau, dein Tag ist grau;
laß uns zusammen gehen!
Wir wollen beide an den Händen uns fassen
und uns so recht verstehen!
Lang ist der Weg, bang ist der Weg,
sicher wird man belohnt;
wir wollen recht fest an etwas Schönes denken
und an ein Schloß im Mond!

Eine kleine Sehnsucht braucht jeder zum Glücklichsein !
Eine kleine Sehnsucht, ein Stückchen Sonnenschein.
Eine Sehnsucht für den grauen Tag;
eine Sehnsucht, ganz egal wonach!
Eine kleine Sehnsucht, ein flüchtiges Traumgebild,
eine Sehnsucht, die sich niemals erfüllt!

Lügen wir uns, trügen wir uns
in eine Welt hinein,
und laß uns dann in dieser Welt
ganz verzaubert Prinz und Prinzessin sein!
Du bist aus Gold, ich bin aus Gold,
und unser Tag ist froh;
vergessen der Student im Dachstübchen
und das Mädelchen vom Büro!

Eine kleine Sehnsucht, usw.


"WIR WOLLEN ALLE WIEDER KINDER SEIN!"
(Friedrich Hollaender 1921)
(gesungen von Rosa Valetti)

Ach, was warn wir Deutschen doch, so
gierig nach dem Blut! Hei!
Jedem grauste gräßlich vor dem wilden Mannesmut!
Donnerhall und Wogenprall! So gingen wir auf den Strich!
Ja, wir sind das Hunnenvölkchen, anders tun wir`s nich!
Gott, zur Zeit der Kieler Wochen warn wir noch so friedlich;
und die größte Keilerei, die war direkt gemütlich!
Dann gab`s plötzlich einen Krach! Und der
Furor wurde wach!
Aber heute sind wir wieder schwach! Juhu!
Wir wollen alle wieder Kinder sein,
so lieb und harmlos wie vorm großer Krieg!
Wir wollen nicht mehr die alten Sünder sein,
wir wollen würdig sein der Republik!
Ein reines Herzchen wie der Himmel blau,
ein Leben wie im Paradiese!
Wir wollen alle wieder Kinder sein
und wollen uns tummeln auf der grünen Wiese!

Und dann haben wir sachteken `nen kleinen
Konkurs gemacht! Hei!
Und die Sangtimangs verkooft,
war alles Überfracht! Hei!
Lazarett geräumt, ein Nepplokal gebaut ganz flink!
Die Revolution, die war en marche!
Mensch sei gut, sonst gibt`s ein Ding!
Und beim guten alten Adlon bumsten Schießgewehre.
Im Berliner Schützengraben tobten unsre Heere!
Aber unsre braven Graun wollten plötzlich nicht mehr haun;
denn bei Adlon gab`s nicht mehr zu klaun! Juhu!
Sie wollten alle wieder Kinder sein, usw.

Siehste wohl, nun haben wir wieder unser gutes Bier! Heil
Trink, geliebtes Deutschland! Halt dir senkrecht! Wir sind wir!
Löhne steigern! Arbeit weigern! Siehste, das erfrischt!
Sei Naturmensch! Pflücke Blümchen!
Aber sonst tu nischt!
Wir ersetzen den Verlust an unserem Charakter
durch den edlen Körpercultus:
Tag ich gehn wir nackter!
Kleider sind ja bloß Glasur!
Löset eure Gürtelschnur,
kehren wir zurück zu der Natur! Juhu!
Wir wollen alle wieder Kinder sein, usw.

MÜNCHHAUSEN
(Friedrich Hollaender, 1931)

Ich habe einen Baum gesehn,
der war so stachlig wie Kakteen
Es hingen rote Rosen dran und Früchte,
die man essen kann.
Er war so hoch, daß man erblindet,
bevor man seinen Wipfel findet;
die Blätter, die bei Tag gerollt,
fallen nachts herab und sind aus Gold.
Und aus der Rinde, ei der Daus,
fließt schöner heißer Kaffee raus.
Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, Lüge!
Aber schön wär`s, das ist klar,
wäre nur ein bißchen wahr!
Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, Lüge,
alles was der Mann gesehn,
aber er erzählt so schön
Um die Illusion sich nicht zu rauben,
möchte man ihm alles, alles glauben.

Ich habe einen Film gesehn,
da brauchte niemand stramm zu stehn;
nicht eine Uniform war drin,
das Publikum ging trotzdem hin.
Er spielt` in keiner Garnison,
und die Besucher klatschten schon,
obgleich die Helden, wie kurios,
gemeine Zivilisten bloß!
Der Film ging durch die ganze Welt
und war in Deutschland hergestellt!
Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, usw.
Ich habe ein Gericht gesehn,
das schien aus Menschen zu bestehn.
Der Richter war aus Fleisch und Blut,
er unterschied nicht Christ und Jud`
Er unterschied nicht arm und reich,
ihm warn alle lieb und gleich;
von keinem dachte er was Schlecht`s
er trat nicht links und kniet` nicht rechts.
Er kannte, weil sein Herz noch jung,
so etwas wie Verantwortung.

Ich habe eine Frau gesehn
die haue schon der Kinder zehn.
Und Brot und Geld, die reichten nicht
und jetzt ein elftes gar in Sicht.
Da ging die Frau zum Doktor hin
und sprach: "Sieh her, wie arm ich bin!
Die Wiege steht und steht nicht leer,
ich darf kein Kindlein haben mehr".
Da sprach der Arzt: "Ich helfe dir,
denn das Gesetz erlaubt es mir!"
Lüge, Lüge. Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, usw.

Ich hab 'ne Republik gesehn
Da darf nur eine Fahne wehn!
Die Fahne, die ist schwarz-rot-gold,
und keine andre wird entrollt!
Sie duldet nicht - es wär` ihr Tod -,
etwa die Fahne schwarz-weiß-rot.
Und nirgend sieht man, ich bestreit`s,
wie heißt das Ding? so`n Hakenkreuz.
Die Kinder selbst am Ostseesand:
Nur schwarz-rot-gold der ganze Strand!
Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, Lüge! usw.
Ich habe auch ein Land gesehn,
das will in keinen Krieg mehr gehn.
Es schmelzt die ganzen Waffen ein,
macht Betten draus für Kinderlein.
Auf Kreuzern, die ganz umgestellt,
fahrn frohe Menschen in die Welt,
die bringen nach andern Ländern frei,
das Lied, wie süß der Friede sei.
Ein solches Schiff, gar bunt bemannt,
es wird das Friedensschiff genannt!
Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, Lüge, Lüge! usw.

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